Erfahrungen und Eindrücke ganz besonderer Art

Bericht über unser Volontariat in Indien vom 26.09.2006 - 17.02.2007
von Christoph Langer und Natascha Hottinger

Natascha und Christoph in Swaraj mit Schulklasse

Es ist soweit. Wir verlassen deutschen Boden und werden in wenigen Stunden eine ganz neue, ganz andere Welt betreten. Was uns nicht bewusst sein kann ist, dass diese Welt, in der wir ein halbes Jahr verbringen wollen, so anders sein wird.
Kaum gelandet in Cochin (Kerala) befinden wir uns wie auf einem anderen Planeten. Alles läuft ganz anders ab, vielleicht hektischer, vielleicht lauter, auf jeden Fall bunter und vor allem herzlicher. Dieser Eindruck wird uns auch die verbleibenden Monate nicht loslassen.

Natascha und Christoph im Taubstummenheim Christoph mit Heimkind

Unsere erste Station wird ein Taubstummenheim in der Nähe von Cochin sein. 150 Kinder leben hier, die begleitet und unterrichtet werden von Ordensschwestern. Schon beim Empfang wird uns klar, dass dies alles nicht so einfach werden wird. Es fallen uns Dinge wie mangelnde Hygiene, teils aufgedrängte Gastfreundschaft und auch die Eigenschaft ins Auge, weiße Ausländer extra und überrespektvoll zu behandeln. Hinzu kommen Ungewohntheiten wie anderes Essen, andere Schlafgewohnheiten und auch andere Umgangsformen. Aber gut, wir lassen uns darauf ein. Und nach kurzer Zeit finden wir uns immer tiefer ein in diese Welt. Die Sprache erscheint auf den ersten Blick unlernbar; die Schwestern sprechen mittelgutes Englisch und die Kinder - diese sind ja taubstumm. Wir engagieren uns im Unterricht, lernen aktiv die Gebärdensprache und nehmen an Ausflügen teil.

Und da ist dieses Gefühl. Das Gefühl der Vertrautheit mit diesen Menschen, die trotz ihrer enormen Armut einem so nahe kommen. Wir schließen die Schwestern und die Kinder in unser Herz, nicht nur alleine wegen ihres Lächelns, das offensichtlich von ganz tief aus dem Herzen kommt. Diese Menschen sind sehr dankbar und in ihrer Dankbarkeit auch so herzlich und anrührend. Oft sind es die Kleinigkeiten, die uns zusammenschweißen. Und tatsächlich werden wir Freunde. Anfängliche Schwierigkeiten lassen sich mit dem nötigen Bewusstsein für diese andere Kultur ausräumen und doch stößt man selbst oft an seine Grenzen. Hier hilft uns beiden unser Christsein, das Wissen um das Verbindende mit den Menschen in dieser Kultur, deren Leben auf der Religion komplett aufgebaut ist. Nach über fünf Wochen in diesem Taubstummenheim müssen wir weiter. Es warten andere Aufgaben auf uns. Tränenreich verlassen wir Freunde, aber mit der Gewissheit, dass sich unsere Verbindung nicht einfach auflösen wird. Und außerdem haben wir ja mehrere konkrete Spendenprojekte in der Tasche!


Wir brechen nun also auf in die Berge Keralas, genauer nach Idukki. In einem kleinen Dorf namens Swaraj, wunderschön gelegen mit allen nur denkbaren Früchten, wartet man auf uns. Ein katholischer Priester erwartet uns mit zwei seiner Kollegen. Sehr hilfreich ist, dass zwei Priester Deutschland kennen und somit unsere Situation eher nachvollziehen können. Hier sollen wir nun den Rest unserer langen Zeit verbringen. Mit was? Wir wissen es nicht!

Natascha beim Unterrichten in Swaraj

Es gibt eine Schule vor Ort, die von den Priestern geleitet wird, wobei eine Ordensschwester die Hauptschulleitung übernommen hat. Die Schule trägt den Namen Zion Public School und wird von rund 400 Kindern aus der Umgebung besucht. Es ist eine englischsprachige Schule und wir werden gleich von Anfang überrannt, welch gutes Englisch selbst die kleinsten Kinder schon sprechen können. Insgesamt befindet sich die Schule im Aufbau, wobei zurzeit alle Klassen vom Kindergarten bis zur siebten Klasse vorhanden sind. Und darin besteht genau unsere Aufgabe. Wir sollen unterrichten und uns in der Schule einbringen. Etwas unsicher übernehmen wir den Fachbereich Naturwissenschaften, hinzu kommt Englisch, Mathe und Musik. Nebenher steht noch das Engagement in der dortigen Gemeinde an.

Im Laufe der Zeit werden wir wie verwandelt. Wir sind ganz nahe an den Familien, werden ganz oft eingeladen (sicher 40-50 Einladungen in dieser Zeit), verbringen viel Zeit mit den Kindern, lernen etwas die Landessprache und können alle Dinge nahezu alleine angehen. Wir spüren eine menschliche Herzlichkeit, die uns so tief berührt. Trotz großer Armut empfangen die Menschen uns dort mit einfachen, aber so dankbaren Mitteln. Wir denken viel über Begriffe wie Glück, Glaube und Dankbarkeit nach. In der Schule übernehmen wir viele Aufgaben selbstständig, reden oft vor den Eltern der Kinder, haben engen Kontakt zu den Kindern, bereiten sogar Examen in unseren Fächern vor und werten diese auch aus. Die Schulleiterin unterstützt uns dabei ganz und wir helfen ihr auch an den Stellen, an denen es drückt.

Natascha und Christoph in Swaraj

Die Kinder geben uns so viel. Alleine das Lächeln, wenn sie morgens zur Schule kommen, aus den Bussen aussteigen und uns begrüßen. Auch wenn sie zu uns kommen, über uns und unsere Familien, über unser Land Fragen stellen und sehr glücklich wirken, wenn sie uns beiden einen Bonbon mitgebracht haben.
Sie sind herzlichst dankbar über einen von uns geleiteten Chor, der an einem Schulfest drei westliche Lieder zum Besten gibt und lokal für eine Sensation sorgt. Es ist unglaublich für uns. Und leider rückt der Abschied schon sehr nah. Die Kinder wollen uns nicht gehen lassen und auch uns fällt es sehr schwer zu gehen.
An unserem letzten Tag gibt es extra eine Schulversammlung für unseren Abschied. Sie haben etwas vorbereitet. Sie singen, halten Reden und versprechen uns, ganz viele Briefe zu schreiben. Und dann heißt es zu gehen. Schaut man genau hin, sieht man viele mit Tränen in den Augen, auch uns erwischt es. Sie singen: "Möge der gute Gott euch tragen auf euren Wegen!"

Wir sind unheimlich dankbar für diese Erfahrung, die nicht einfach so verfliegt, sondern in uns viel verändert hat. Zudem sind wir Gaby Kuipers und Fr. Jose von Naipunnya International sehr dankbar für die tolle Organisation der Reise. Schön war auch der Besuch von Gaby Kuipers bei uns in Indien. Wir fühlten uns sehr sicher in allem und hatten niemals das Gefühl, dass wir alleine dastehen. Vor allem aber danken wir den Kindern und den Menschen, denen wir begegnet sind, für dieses großartige Geschenk. Wir haben uns wirklich verliebt in diese Welt und wollen und werden sicher wieder kommen.

Danke,
Natascha und Christoph